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Sportler zu trainieren ist nicht immer ein „Zuckerschlecken“. Vor allem, wenn sie mit dem Kopf durch die Wand wollen. Mit ihren Launen fordern sie dir alles ab. Dann kannst du tun, was du willst, es ist ohnehin verkehrt. „Mach doch, was du willst, und blas mir in die Schuhe!“ Es geht auch anders …

In meiner Ausbildung zum Persönlichkeitstrainer mit Pferden wurde ich immer wieder auf die Probe gestellt. Ich habe dabei ein paar wichtige Dinge gelernt.

Unterschiedliche Rollen

In einer Pferdeherde gibt es einen Leithengst und eine Leitstute, welche sich die Führungs-Aufgaben teilen.

Der Leithengst ist das einzige männliche Tier in der Herde. Er hält die Herde zusammen und treibt die Nachzügler an. Und er schützt und verteidigt die Herde gegen Angreifer und Rivalen. Zudem sorgt er auch für die Fortpflanzung. Leithengste zeichnen sich durch ihre Stärke, ihr Selbstbewusstsein und ihren Mut aus. Entsprechend ihrer Eigenschaften führen sie mit Druck.

Die Leitstute ist die oberste Führungsinstanz der Herde. Sie trägt das ganze Wissen in sich und kennt beispielsweise die guten Futter- und Wasserplätze. Im Gegensatz zum Leithengst zeichnet sie sich nicht durch physische Stärke, sondern durch ihre Erfahrung und ihr Wissen aus. Sie agiert besonnen, souverän, selbstbewusst und sie geniesst das Vertrauen der Herde. Druckmittel sind der Leitstute fremd, sie führt mit Vertrauen.

Damit die Herde überleben kann, braucht es den Leithengst und die Leitstute. Beide tragen durch ihre Führung ihren Teil zum guten Gelingen und dem Überleben der Herde bei.

Führen heisst nichts anderes als im Sinne der Gemeinschaft zu dienen und ist nie ein Selbstzweck.

Dienst du im Sinne deiner Athleten?

Druck oder Vertrauen?

Es ist nicht unüblich, dass du als Trainer die eine oder andere Führungsrolle sehr gut beherrschst. Führst du deine Athleten nur mit Druck, läufst du Gefahr, dass sie sich abwenden, sobald sie die Möglichkeit dazu haben.

Stell dir vor, es steht immer einer drohend mit der Peitsche hinter dir. Du weisst genau, sobald ich ein wenig nachlasse, gibt’s wieder eins auf den Hintern. Das ist nicht wirklich toll und du wirst die erste Gelegenheit nutzen, aus dieser unbequemen Situation zu flüchten.

Du setzt vorwiegend auf Vertrauen und überzeugst mit deiner Kompetenz. Möglicherweise gehen dir deine Athleten verloren, wenn sie nicht mehr Schritt halten können oder etwas anderes ihre Aufmerksamkeit erregt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Athleten nicht immer 100 % dabei sind und es andere Dinge gibt, die sie in ihren Bann ziehen. Wenn die Pace vermeintlich zu hoch ist oder der attraktive Clubkollege resp. die unbekannte Schöne die Aufmerksamkeit erregen, bist du auf verlorenem Posten.

Aus oder wird und

Als guter Trainer und Führungskraft vereinst du Leithengst und Leitstute in Personalunion. Bist du als Trainer in der Lage, durch deine Kompetenz das Vertrauen deiner Athleten zu gewinnen, hast du die halbe Miete im Sack. Wenn du deine Athleten zudem im richtigen Moment anspornen kannst, dann kommst du dem Optimum sehr nahe. Als guter Trainer brauchst du beides. Es ist das bekannte Zusammenspiel von Zuckerbrot und Peitsche.

Eine Patentlösung gibt es nicht. Ich bin mir bewusst, dass dies in der Praxis nicht immer ganz einfach umzusetzen ist. Darum sind ausser deinem Fingerspitzengefühl auch deine Kommunikationsfähigkeiten gefragt.

Kommunikation im Hier und Jetzt

Pferde sind Meister der Kommunikation und der Körpersprache. Sie leben im Hier und Jetzt, werten nicht, nehmen ihre Umgebung sehr gut wahr und sie kommunizieren glasklar. Eine „hidden agenda“ kennen sie nicht. 😉

Flach nach hinten gelegte Ohren sind ein Zeichen dafür, dass dem Pferd etwas nicht passt. Zeigt es dazu die Zähne oder zieht die Nüstern nach hinten, ist das eine Drohung. Sind die Ohren gespitzt und nach vorne gedreht, zeigt das Pferd Interesse und Neugier.

Pferde sind sensible Lebewesen, die deine innere Haltung unbewusst und intuitiv durch klare Körpersignale spiegeln. Veränderst du dein Verhalten, ändert sich sofort das Verhalten des Pferdes. Im zwischenmenschlichen Kontakt mit deinen Athleten ist das nicht viel anders.

Dein Körper ist in der Kommunikation bewusst wie auch unbewusst involviert. Das hat auch einen Einfluss auf deine Athleten. Selbst wenn dir das nicht immer bewusst ist.

Unsere Körpersprache sagt oft mehr als tausend Worte.

Den Grossteil dieser Signale nehmen wir unbewusst wahr. Andere hingegen sehr bewusst. Jedoch nur, wenn du deine Sensoren auf Empfang gestellt hast und deinen Athleten zugewandt bist. Schenkst du deinem Athleten deine volle Aufmerksamkeit, sinkt die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen.

Problematisch kann es werden, wenn du dein Unbewusstes nicht im Boot hast. D.h. wenn du A sagst und B meinst. Deine nonverbale Kommunikation wird nicht mit deinen Worten übereinstimmen. Dann darfst du nicht überrascht sein, wenn es Konflikte gibt. Athleten nehmen deine Körpersprache und deine somatischen Marker oft besser wahr, als dir das lieb ist.

Es zahlt sich für dich aus, wenn du offen, authentisch und aufmerksam bist.

Fazit

  • Führe mit Überzeugung und Kompetenz. Damit gewinnst du das Vertrauen deiner Athleten
  • Führe mit Druck, wenn es angebracht ist. Damit bleiben deine Athleten im Rennen und gehen unterwegs nicht verloren.
  • Kommuniziere klar und zielgerichtet. Dann weiss jeder, was zu tun ist.
  • Wende dich deinen Athleten zu und schaue sie an, wenn du mit ihnen sprichst. Dadurch fühlen sie sich ernst genommen.
  • Höre gut zu und spitze deine Ohren, wenn deine Athleten mit dir reden. Damit zeigst du deine Anerkennung.
  • Schenke ihnen deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das verdienen sie.

Wenn du dir dies zu Herzen nimmst und das Unbewusste im Boot hast, hast du deine Athleten im Griff.

Du hast es in der Hand. Entscheide selber, was gut für dich ist.

Nutze Deine Möglichkeiten

Martin

 

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit dem Unbewussten im Boot alles ein wenig einfacher geht.