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Der elfjährige Tim ist ein großes Schwimmtalent. Er schwimmt seit seinem sechsten Lebensjahr im Verein. Jahrelang geht die Schwimmkarriere steil bergauf: Er ist der „Star“, das Aushängeschild des Vereins mit Hoffnung auf eine ganz große Zukunft im Schwimmsport.

Die Eltern Pia und Mathias sind mit großer Begeisterung und mit viel Engagement dabei. Mathias war selbst in seiner Jugend Schwimmer, zum großen Durchbruch hat sein Talent jedoch nicht ausgereicht.

In der neuen Saison erlebt Tims Schwimmlaufbahn allerdings einen plötzlichen Einbruch – zur Enttäuschung des Vereins, des Trainers, der Eltern und des Jungen selbst.

Plötzlich belegt er in allen Wettkämpfen nur noch mittelmäßige Plätze – keiner kann sich erklären, woran es liegt.

Die Situation eskaliert

Sein Trainer Klaus stellt fest, dass Tim plötzlich unkonzentriert ist und vermehrt Quatsch macht, anstatt sich auf das Schwimmen zu konzentrieren.

Er meint, dass der Druck, den die Eltern auf das Kind ausüben, zu groß ist.

Die Eltern Pia und Mathias haben eine andere Theorie:

Der Trainer ist schuld! Das Training mache dem Jungen keinen Spaß mehr, Klaus fordere das Kind nicht seinem Talent entsprechend – so lauten ihre Vorwürfe.

Mathias beschwert sich anfangs recht erfolglos beim Vorstand – er fordert sogar die Entlassung des Trainers. Als dieses Bemühen nicht fruchtet, beschließt er, künftig beim Training zuzuschauen und Klaus und dessen Engagement vom Rand aus zu kontrollieren.

Wie man sich vorstellen kann, endet dies regelmäßig im Streit zwischen dem völlig genervten Trainer und dem ehrgeizigen Vater.

Letzter Ausweg

Nach einigen Wochen sieht der Vorstand ein, dass er etwas unternehmen muss:

Er will weder den Trainer verlieren noch Tim, das „Aushängeschild“ des Vereins – doch wenn es so weitergeht, wird mindestens eines der Szenarien eintreten.

Also beschließt er, den beiden Parteien eine Mediation vorzuschlagen.

Emotionen kochen hoch

Zähneknirschend lassen sich die Streithähne auf eine erste Mediationssitzung ein, an der Tim, seine Eltern, der Vorstandsvorsitzende und Klaus teilnehmen.

Anfangs geht es hoch her, da jeder zunächst einmal seine Sicht der Dinge schildern darf.

Die Emotionen des Vaters und des Trainers sind offensichtlich stark hochgekocht. Als der sonst so gefasste Tim bei seiner Beschreibung der Situation in Tränen ausbricht, sind alle Anwesenden sichtlich berührt und auch überrascht.

Dass der Konflikt und der Druck den Jungen so belasten, hat niemand geahnt. Schon um die Situation für das Kind zu verbessern, sind die Erwachsenen bereit zu versuchen, sich mit Hilfe des Mediators friedlich zu einigen.

So geht’s

Der Mediator erklärt, wie Mediation überhaupt funktioniert, dann werden gemeinsame Regeln, wie man in der Mediation zusammenarbeiten will, festgelegt.

Insbesondere die vertrauliche Handhabung der Inhalte, die in der Mediation besprochen werden, ist allen Beteiligten sehr wichtig, da man Imageverluste für den Trainer, den Sportler und den Verein befürchtet, wenn die Öffentlichkeit von den Problemen erfährt.

Am Ende der ersten Sitzung einigen sich die Beteiligten auf zwei Themen, die in dem Mediationsverfahren besprochen werden sollen: Regelung der Trainingssituation und Umgang Eltern – Trainer.

In den weiteren Sitzungen wird für beide Themen jeweils separat geschaut, was die Bedürfnisse der einzelnen Beteiligten sind und wie die Lösung für das jeweilige Thema aussehen könnte.

Unterschiedliche Bedürfnisse prallen aufeinander

Anerkennung der Trainerkompetenz

Bei Klaus sind die Bedürfnisse insbesondere die Anerkennung seiner Kompetenz als Trainer und die Möglichkeit, seine Arbeit in Ruhe ohne Einmischung der Eltern erledigen zu können.

Mitspracherecht des Vaters

Bei den Eltern ist das vorherrschende Bedürfnis eine kompetente Förderung des Talents ihres Sohnes, das Wohlbefinden des Kindes und auch ein gewisses Mitspracherecht beim Training.

Spaß im Training

Für Tim ist es wichtig, in einem friedlichen Umfeld mit Spaß trainieren zu können.

Während der Mediation kommt heraus, dass er sich sowohl von den Eltern als auch vom Trainer zu streng behandelt und auch oft unter Druck gesetzt fühlt.

Auch vermisst er eine spielerische Komponente im Training ­– ihm fehlen zwischendrin kleine Konzentrationspausen. Andererseits fände er es gut, öfter auch mal beim Training der nächst-höheren Altersklasse teilnehmen zu können.

Durch das Schwimmen mit den Gleichaltrigen fühlt er sich zu wenig gefordert und ist teilweise gelangweilt. Wenn er dann aus Langeweile Quatsch macht, bekomme er von Klaus Ärger – was er ziemlich frustrierend findet.

Die Lösung

Im Laufe der Mediation gelingt es, gemeinsam mit dem Mediator eine Einigung zu finden, bei der die Bedürfnisse aller Beteiligten möglichst umfangreich berücksichtigt werden:

Mathias bleibt künftig dem Training fern, er wird aber regelmäßig von Klaus über den Trainingsstand des Sohnes informiert.

Er hat gemerkt, dass er mit zu viel Ehrgeiz an die „Sache“ herangegangen ist und will nun den „Dingen“ eine Zeit lang mal ihren Lauf lassen – einfach um zu sehen, was dann passiert.

Tim darf nun auch regelmäßig bei den „Großen“ mitschwimmen, was sichtlich seinen Ehrgeiz weckt und seine Leistung steigert.

Zum Ausgleich wird Klaus dem Alter des Jungen entsprechend spielerische Trainingspausen für ihn einbauen. Ihm ist in den Gesprächen mit Tim klargeworden, dass er aufgrund des vernünftigen und ehrgeizigen Charakters des Jungen diesen Aspekt zu sehr vernachlässigt hat.

Ihm wurde in der Mediation bewusst, wie wichtig es ist, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse seiner einzelnen Schützlinge einzugehen.

Er empfand das „Rumkaspern“ des Elfjährigen einfach als lästig – erst die Erkenntnis, dass das überdurchschnittlich talentierte Kind bei den Gleichaltrigen einfach unterfordert ist, ließ ihn Verständnis entwickeln.

Zurück an der Spitze

Ein halbes Jahr später haben sich die Leistungen des Jungen erheblich gesteigert – er schwimmt wieder ganz vorne mit. In der Gruppe der älteren Schwimmer wurde er sehr gut aufgenommen, er wirkt wieder wesentlich ausgeglichener und konzentrierter, geht wieder gerne ins Training.

Eltern, Verein und Trainer und natürlich auch das Kind sind sehr glücklich mit der Situation.

Fazit

Wie uns der Fall zeigt, hilft uns ein gegenseitiges „Die-Schuld-beim-anderen-Suchen“ im Konflikt meistens nicht weiter.

Vielmehr sollten wir uns – wenn jemand ein Verhalten zeigt, das uns nicht gefällt – viel häufiger fragen, warum der andere sich so verhält, welches Bedürfnis dahintersteckt.

Im Fall von Tim steckte hinter dem Herumalbern das Bedürfnis nach einer dem Talent entsprechenden Förderung gepaart mit Pausen voll auflockernden Elementen.

Um das Talent des Kindes optimal fördern zu können, war es erforderlich, sich seinen Bedürfnissen anzupassen. Erst als der Trainer das tat, konnte Tim seine Leistung voll entfalten.

Haben Sie auch schon Erfahrungen gesammelt mit Situationen, in denen ein Pochen auf dem Recht bzw. die Frage, wer schuld ist, nicht weiterhalf? Oder in denen sich der Konflikt auflöste, als man fragte:

„Warum macht der andere das? Warum ist ihm der Punkt so wichtig?“

Ich freue mich über Ihre Kommentare, Anregungen und Erfahrungsberichte unter diesem Beitrag!

Herzlichst

Ihre Christina Wenz

ChristinaWenzChristina Wenz ist Mediatorin, Juristin und Konfliktcoach.

Sie hilft Menschen dabei, in Streitsituationen friedliche Lösungen zu finden – Lösungen, bei denen man sich anschließend noch gut in die Augen schauen kann. Wenn du mehr über Mediation und einen guten Umgang mit Konflikten erfahren möchtest, schau doch einmal auf ihrem Blog vorbei. Hier kannst du ihre 15 kostenlosen Tipps für entspannteres Streiten herunterladen.