Seite wählen

Nele ist 14 Jahre alt und konnte schon Tennis spielen, bevor sie laufen konnte. Sie liebt es, der kleinen gelben Filzkugel ihren Willen aufzuzwingen und Schläge auszuführen, die physikalisch nur schwer möglich sind.

Trotz ihres jugendlichen Alters gehört sie zu den Leistungsträgerinnen in ihrem Verein. Sie spielt in der 1. Mannschaft, ist Kreis- und Bezirksmeisterin und hat sich bereits für die Landesmeisterschaften qualifiziert. Mit ihrem Verein steht sie kurz vor dem Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Gerade jetzt spielt sie den entscheidenden Satz mit ihrer Doppelpartnerin in der Hitze auf dem roten Aschenplatz. Schuhe und Socken sind völlig staubig und stehen schon von alleine. Wenn sie ihr Aufschlagspiel durchbringt, steigt sie mit ihrer Mannschaft in die nächsthöhere Klasse auf.

Nele schlägt für das Match auf.

Es ist Neles Aufschlagspiel, ihr Team führt. Sie schlägt präzise auf und doch kommt ein gewaltiger Return. Sie läuft dem Ball entgegen und rutscht in den Ball hinein, schlägt ihren Paradeschlag Rückhand longline und passiert beide am Netz stehenden Gegnerinnen. Spiel, Satz und Match.

Nele liegt am Boden und kann sich gar nicht so richtig freuen. Beim Rutschen ist sie mit dem Fuß an der Außenlinie hängengeblieben und umgeknickt. Ein stechender Schmerz schießt durch ihr Fußgelenk und sie kann nicht mehr aufstehen.

Am Spielfeldrand stehen die Eltern – und was machen sie? Sie klatschen und bewegen sich keinen Zentimeter. Wut und Adrenalin lassen Nele doch aufstehen und zur Bank humpeln. Sowohl Neles Doppelpartnerin als auch die gegnerischen Spielerinnen kommen sofort zur Bank gelaufen und erkundigen sich, wie sie helfen können. Was machen die Eltern? Sie freuen sich über den unerwarteten Sieg und stehen da wie die Ölgötzen.

Wo sind die Erwachsenen, wenn man sie braucht?

In diesem Moment weiß Nele gar nicht, was schlimmer ist, die Schmerzen im Fuß oder die Wut auf die wieder einmal völlig peinlichen und bekloppten Erwachsenen. Jeder Jugendliche verhält sich angemessener und einfühlsamer als die angeblichen Erwachsenen und vor denen soll man als Jugendlicher Respekt haben und die sollen die Entscheidungen für einen treffen???

Wie oft hat Nele sich schon über ihre eigenen Eltern aufgeregt.

Sie will nicht mehr von ihnen bevormundet werden.

Der Vater meint immer noch, dass er ihr erklären könne, wie sie die Schläge besser ausführen kann, dabei gewinnt sie schon seit Jahren in jedem Tennismatch gegen ihn.

Die Eltern überlegen sogar, ob sie nun auf ein Tennisinternat irgendwo am Ende der Welt gehen soll. So gerne Nele den Sport auch hat, sie möchte nicht die ganze Woche über von ihren Freundinnen getrennt sein, möchte weiter bei ihrem Trainer Tennisunterricht haben und möchte auch weiter mit ihrer Mannschaft spielen.

Teenager und Leistungssport

Die Entscheidung, ob ein junger Mensch eine Profikarriere im Sport anstrebt oder nicht, fällt (leider) oft in einem Alter, in dem ganz ohne Sport schon unglaublich viel im Leben der jungen Menschen passiert. Viele Dinge verlieren an Bedeutung, die ihnen vorher immens wichtig waren. Ihr Körper entwickelt sich in Richtungen, die ihnen nicht immer gefallen, und der wichtigste Fixpunkt in ihrem Leben werden ihre Freunde.

Diese Phase fällt auch den Eltern häufig nicht so leicht. Vielleicht kennst du das, du machst dir Sorgen, dass dein Kind es später bereuen wird, jetzt nicht weiter so hartnäckig am Sport gearbeitet zu haben, wie es nötig wäre, um eine Profikarriere anzustreben. Dafür wäre möglicherweise ein Schulwechsel nötig, der Jugendliche müsste in ein Sportinternat, raus aus seinen vertrauten Bezügen, getrennt von seinen Freunden, seiner Mannschaft, seinem Trainer.

Zur Krise kann es insbesondere dann während der Pubertät kommen, wenn die körperlichen Veränderungen nicht dem Ideal der ausgeübten Sportart entsprechen oder wenn die körperlichen und psychischen Veränderungen der Pubertät den Jugendlichen so beanspruchen, gerade in einer Zeit, in der sich der Jugendliche für einen Platz im leistungssportlichen Fördersystem bewähren müsste.

Entwicklungsaufgaben im Teenageralter

Als Entwicklungsaufgabe bezeichnet man die kulturell und gesellschaftlich vorgegebenen Erwartungen und Anforderungen, die an eine Person in einem bestimmten Alter gestellt werden. Robert J. Havighurst (1948) definierte erstmals das Konzept der Entwicklungsaufgaben. Seiner Annahme folgend hat jeder Mensch im Verlauf seines Lebens immer wieder unterschiedliche Probleme zu bewältigen.

Havighurst unterteilt das Leben in neun unterschiedliche Lebensabschnitte, in deren Verlauf sich jeweils spezielle altersentsprechende Aufgaben stellen. Die Bewältigung dieser speziellen Aufgaben wird durch verschiedene, aufeinander einwirkende Faktoren beeinflusst.

Zu jenen Faktoren zählen sowohl innere Begebenheiten, die in der Natur des Menschen liegen (z.
B. seine individuellen Anlagen), als auch äußere Faktoren wie die physische und soziale Umwelt des Betreffenden. Nach Havighurst müssen die Entwicklungsaufgaben erfolgreich bewältigt werden, um die Zufriedenheit des Menschen zu gewährleisten.

Die Entwicklungsaufgaben setzen sich zusammen ausbiologischen

  1. Veränderungen innerhalb des Organismus (z. B. Pubertät oder Menopause),
  2. gesellschaftlich vorgegebenen Aufgaben (z. B. in Ausbildung oder Beruf),
  3. allgemeinen Werten und Zielen, die das sich entwickelnde Individuum selbst setzt.

Wichtige Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase

Neue und reifere Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts aufbauen

Schwierig für den jungen Leistungssportler, da er nur wenig Freizeit zur Verfügung hat. Zudem ist er häufig zusammen mit anderen Leistungssportlern, zu denen es – je nach Sportart – möglicherweise einen größeren Altersunterschied gibt oder die selber wenig Erfahrung im sozialen Leben außerhalb des Sports gemacht haben.

Übernahme der männlichen oder weiblichen Geschlechtsrolle

Zwar haben die meisten jungen Leistungssportler wenig Zeit für eine Liebesbeziehung, meistens gelingt ihnen die Übernahme der Geschlechtsrolle jedoch recht gut. Etwas steiniger wird der Weg, wenn die gewählte Sportart eher gesellschaftlich atypisch für das jeweilige Geschlecht ist (z. B. Ballett bei Männern), dann muss der junge Sportler häufig mit Vorurteilen kämpfen und hat weniger Modelle zur Verfügung, an denen er sich orientieren kann.

Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers

Solange die körperlichen Veränderungen dem Leistungssport nicht entgegenstehen, können Sportler dies häufig gut, da sie sich viel mit dem eigenen Körper beschäftigen und durch den Sport häufig viel Vertrauen in ihren Körper haben.

Emotionale Unabhängigkeit von den Eltern und von anderen Erwachsenen

Auch dies fällt jungen Leistungssportlern häufig schwerer, da sie in anderen Abhängigkeiten zu den Eltern und anderen Erwachsenen stehen.

Die Eltern finanzieren ihnen häufig die Karriere, die Trainer, Physiotherapeuten usw. sagen ihnen, was sie zu tun haben und wie. Da bleibt häufig wenig Platz für das Trainieren der für dieses Alter so wichtigen Unabhängigkeit.

Häufig entstehen an diesem Punkt die größten Probleme, da die Jugendlichen den so immens relevanten Schritt der Ablösung von den Eltern und anderen wichtigen erwachsenen Bezugspersonen nicht so konsequent verfolgen können wie andere Jugendliche.

Vorbereitung auf Ehe und Familienleben

Hier wird das größte Problem wahrscheinlich die mangelnde Zeit sein. Solange es diese aber einigermaßen zulässt, haben die jungen Sportskanonen hier wenig Nachteile gegenüber ihren nicht so sportlichen Altersgenossen. Sie tauschen sich aus, kennen das eigene Familienleben, lernen von Freunden, wie es bei ihnen abläuft.

Vorbereitung auf eine berufliche Karriere

Das tun die jungen Sportler sehr intensiv, zumindest für ihre erste Karriere. Mittlerweile wird auch schon sehr viel Wert auf eine begleitende schulische Ausbildung gelegt, sodass zumindest auch der erste Grundstein für die Karriere nach dem aktiven Sportlerleben gelegt wird.

Werte und ein ethisches System erlangen, das als Leitfaden für das Verhalten dient – Entwicklung einer Ideologie

Hier geht es nicht unbedingt um „besser oder schlechter“, in jedem Fall aber wird der Leistungssportler wahrscheinlich eine andere Ideologie als Nicht-Sportler entwickeln. Er wird mit Unverständnis von Nicht-Sportlern konfrontiert werden, braucht eine andere Disziplin als seine Altersgenossen und hat andere Modelle, von denen er „abschauen“ kann und darf.

Sozial verantwortliches Verhalten erstreben und erreichen

In diesem Bereich haben viele Sportler sogar einen Vorsprung vor anderen Jugendlichen, da sie sich häufig in vorhandene Strukturen und Systeme einfinden müssen, mit vielen anderen jungen Menschen in Gruppen trainieren, essen und leben.

Leistungssport und Entwicklungsaufgaben

Wie du erkennst, passen nur wenige dieser Entwicklungsaufgaben in den typischen Tagesablauf eines Leistungssportlers. Allerdings ist es für den Jugendlichen enorm wichtig, dass er in all diesen Gebieten Erfahrungen sammeln kann, damit er diese Aufgaben schlussendlich bewältigen kann.

Auch die Veränderungen der Hirnphysiologie in diesem Alter entspricht nicht unbedingt dem Leistungssport: Die Jugendlichen haben einen veränderten Tagesrhythmus (lange schlafen, spät ins Bett), wichtig ist die „gnadenlose“ Abgrenzung zu ihren Bezugspersonen, was Eltern, Trainer und andere häufig in die Verzweiflung treiben kann.

Freundschaftsbeziehungen und diese zu pflegen, geht ihnen über alles. Sie haben ein gesteigertes Risikoverhalten, da die Gehirnregion für das „Gefühlsdoping“ in Form von kurzfristiger Belohnung für ihr Verhalten bereits entwickelt ist, nicht jedoch der Bereich, der Impulse und Emotionen bändigt.

Dies kann dann auch schnell mal zu Verletzungen führen, gerade wenn die Jugendlichen sich im Training übernehmen, übermüdet sind und nicht auf ihren Körper hören.

Leistungssport für Jugendliche – nein danke?!

So lässt sich das sicherlich nicht formulieren. Natürlich kann der Jugendliche auch viele positive Dinge durch den Leistungssport erlernen, die ihn in seiner Persönlichkeitsentwicklung enorm unterstützen können.

Macht ihm der Sport Spaß und erzielt er Erfolge, fühlt er sich unterstützt und wertgeschätzt und vor allem auch in die Entscheidungen altersentsprechend eingebunden, kann dies ein echter „Boost“ für sein Selbstvertrauen und seine Selbstwirksamkeit sein.

Er macht dann die Erfahrung, dass er etwas investiert (in diesem Falle den Trainingsschweiß) und dass sich sein Input auch auszahlt und er einen entsprechenden Output erhält (Erfolg, Einsatzzeit, bessere Laufzeiten, mehr Muskeln o. Ä.). Dies ist insbesondere beim Sport sehr gut zu erkennen.

Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl z. B. bei einer Mannschaftssportart oder in einer Trainingsgruppe kann für den Jugendlichen immens wichtig sein. Er hat dort Gleichgesinnte, kann über seinen Sport, seine Schwierigkeiten sprechen, wird verstanden und ist fester Bestandteil einer Mannschaft oder einer Gruppe. Dies kann ihm den notwendigen Rückhalt geben, um die Abgrenzung zu seinen Eltern trotz geringer Freizeit zu wagen.

Das Einhalten von Regeln, die Disziplin, die der Jugendliche für den Leistungssport aufbringen muss, und das Einfügen in bestehende Strukturen kann seine Frustrationstoleranz stärken. Er kann viele Erfahrungen machen, auch mit Misserfolgen umgehen zu lernen, wird unterstützt und dennoch wertgeschätzt, auch wenn er einmal nicht das Turnier gewinnen kann.

Diese Erkenntnisse kann er auch auf sein Leben außerhalb des Sports übertragen, auch dort wird er nicht immer gewinnen können.

Die Aufgabe der Eltern

Was kannst du nun tun, um dein Kind möglichst gut zu unterstützen? Wie für alle Eltern mit Kindern im Jugendalter ist es gar nicht so leicht, die Balance zwischen Nähe und Distanz, zwischen Verantwortung übertragen und Verantwortung abnehmen zu finden.

Gerade auf dem Weg zum Profisportler ist eine selbstbestimmte Entscheidung für den Sportler wichtig.

Er nimmt viel in Kauf, um sein Ziel zu erreichen. Hat er das Gefühl, dass er dies „für“ jemanden tut, wird der Frust nicht sehr lange auf sich warten lassen. In diesem Sinne ist es für dich wichtig, dein Kind in die Lage zu bringen, selbstbestimmt entscheiden zu können.

Auch der junge Leistungssportler wird sich ausprobieren und manchmal auch rebellieren müssen, um den Platz in der Gesellschaft für sich finden zu können.

Entscheidungen treffen und Selbstverantwortung übernehmen sind keine „Instinkte“, somit sind diese Fähigkeiten nicht angeboren. Wir müssen dies üben, genauso wie wir unsere Muskeln trainieren müssen, um kräftiger zu werden.

Der Jugendliche auf dem Weg zum Profisportler hat einige Hürden mehr aus dem Weg zu räumen als der Jugendliche ohne Profisport, in anderen Bereichen hat er auch kleine Trampoline vor den Hürden, die der Nicht-Sportler nicht hat, aber diese Besonderheiten dürfen gerne in die Beziehung zum Jugendlichen einfließen.

Der Sportler möchte natürlich unterstützt werden von seinen Eltern, er braucht aber auch die Erfahrung, dass er nicht an Wert für dich verliert, wenn er einmal „schlecht gespielt“ oder das Turnier nicht gewonnen hat. Bekommt er den Eindruck, dass er nur geliebt wird, wenn er Erfolg hat, wird er schnell und heftig gegen den Sport rebellieren.

Auch braucht er Verständnis dafür, dass es Tage und auch Phasen gibt, in denen er nicht so viel Lust auf ständiges Training und die Disziplin hat, die von ihm gefordert wird. Seine Motivation kann nicht jeden Tag gleich hoch sein, insbesondere in Anbetracht des sich stark im Wandel befindlichen Hirnstoffwechsels in diesem Alter.

Sei Ansprechpartner für dein Kind, halte die Beziehung zu ihm, auch wenn es sich manchmal unmöglich benimmt. Unterstütze es auf seinem Weg, aber lass ihm auch die Freiheit, Entscheidungen zu treffen und auch Fehler zu machen. Es hat keine andere Möglichkeit, um Erfahrungen zu sammeln und zu üben, die Verantwortung für sich selber zu übernehmen.

Und was war mit Nele?

Und zum guten Schluss: Wie ging es mit Nele weiter? Sie hatte einen Bänderriss aus ihrer Rutschpartie davongetragen, sodass das Tennisspielen eine Zeit lang ruhen musste. Es gab viele Auseinandersetzungen mit ihren Eltern bezüglich des Internats, sie wollte auf keinen Fall dorthin.

Nele hat ihren Trainer ins Vertrauen gezogen, der dann auch noch einmal mit den Eltern gesprochen hat. Diese konnten dann langsam einsehen, dass das Internat eher ihren Zielen entsprach und nicht das Ziel von Nele war.

Nele durfte nach auskurierter Verletzung also weiter in ihre vertraute Schule gehen, sich mit ihren Freundinnen treffen, bei ihrem Trainer und in ihrem Team spielen. Sie ist immer noch eine wertvolle Spielerin bei den Bundesliga-Spielen.

Auch wenn es dadurch nicht für eine Profikarriere gereicht hat, so hat sie bis heute den Spaß am Tennisspielen nicht verloren.

Nele ist glücklich mit ihrer Entscheidung!

Nutze deine Möglichkeiten!

Julia

Quelle: Entwicklungaufgabe Jugend

Julia Lange www.quovadix.de ist seit ihrer Approbation 2010 in eigener Praxis als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (Verhaltenstherapie) tätig. Sie therapiert Kinder und Jugendliche von 6-21 Jahren mit unterschiedlichsten psychischen Problemen, Schwerpunkt Pubertät und junges Erwachsenenalter.

Die Jugendlichen unterstützt sie dabei, sich selbst und ggf. auch das Gegenüber besser zu verstehen, zu hinterfragen, die Perspektive zu wechseln und Handlungsalternativen zu bisher dysfunktionalen Verhaltensweisen zu generieren. Zudem ist sie Mensch, Modell und Lebensbegleiter in dieser turbulenten Phase. Julia hat auch ihren Ziehsohn durch die Pubertät begleitet.