Seite wählen

„Sie ist so eingeschüchtert! Bei den regionalen Meisterschaften ist sie so gut geschwommen. Davon ist nichts mehr zu sehen. Ein Elend. Sogar auf ihrer Lieblingsstrecke ist sie „getaucht“. Ihr Frust ist sehr gross.“

Das war ein Tribünengespräch zwischen zwei Vätern, das ich bei den Nachwuchs-Schweizer-Meisterschaften im Schwimmen mitbekommen habe.

Kommt dir diese Situation bekannt vor? Das muss nicht sein!

Plötzlich ist alles anders

Bei Meisterschaften ist alles anders. Es gibt eine Zutrittskontrolle, du musst deinen Badge immer dabei haben, die Wege sind oft weiter, du übernachtest im Hotel, dein Tagesablauf ist nicht mehr wie gewohnt, es sind mehr Athleten und auch mehr Zuschauer anwesend und noch vieles mehr.

Kurz gesagt: Es gibt nicht mehr viel, das dir vertraut ist. Das kann Stress auslösen. Schliesslich sind wir Gewohnheitstiere und verlassen uns gerne auf das, was wir kennen.

Auf einmal sind alle gut

Bei den regionalen Wettkämpfen fühlst du dich wohl. Du kennst die Wettkampfanlagen und auch die Abläufe. Deine Teamkollegen und deine Gegner sind dir vertraut.

Es gibt nichts, das dich noch aus der Ruhe bringen könnte. Darum fällt es dir auch nicht schwer, dein Leistungspotenzial bei regionalen Wettkämpfen abzurufen.

Doch schon beim Gedanken an die bevorstehenden nationalen (oder internationalen) Meisterschaften wird es dir ganz anders.

Natürlich studierst du die Startliste im Detail und ordnest dich gleich ein. Top 10 ist möglich, ein Finalplatz liegt bei dieser starken Konkurrenz nicht drin. Die ist schon bei der Junioren-WM gestartet, die hat letztes Jahr gewonnen und die …

Was will ich überhaupt hier? Für den Final bin ich sowieso nicht gut genug!

Mit dieser Einstellung und den negativen Selbstgesprächen hast du den Wettkampf bereits abgeschlossen, bevor es überhaupt losging. Du hast dich schon eingeordnet und deinem Unbewussten die Grenzen aufgezeigt.

Anders gesagt, du hast eine unbewusste Vorentscheidung getroffen, wie das Resultat sein wird.

Warum gehst du noch an den Start, wenn du die Rangliste schon geschrieben hast?

Ich kenne das sehr gut aus eigener Erfahrung. Mir erging es nicht viel anders und es gab diverse Wettkämpfe, bei denen ich mich schon vor dem Start eingeordnet hatte. Wirklich hilfreich war das nicht. Damit habe ich mir und meinem Unbewussten nur unnötige Grenzen gesetzt.

Lästige Durchsagen

Passiert es dir auch, dass du während dem Warm-up zuhörst, was in den Serien und Läufen vor dir für Zeiten erzielt werden? Deine Aufmerksamkeit ist auf die Lautsprecherdurchsagen gerichtet und die Anzeigetafel zieht dich magnetisch an. Eine neue Bestzeit hier, eine Saisonbestleistung da.

Bei guten Zeiten denkst du: „Ich glaube, das schaffe ich nie.“ Auch in dieser Situation hast du dich bereits eingeordnet.

Du bist schon wieder eingeschüchtert. Kein Wunder, ist dein Fokus nicht da, wo er sein sollte, bei dir und deinen Fähigkeiten.

Dass du dich mit anderen misst und vergleichst, ist nicht aussergewöhnlich. Das geht Hand in Hand mit dem Leistungsmotiv und dieses gibt dir die Energie, dich konstant zu verbessern.

In manchen Situationen kann dieser Vergleich jedoch zu Leistungseinbussen führen. Vor allem, wenn du dadurch in eine negative Stimmung kommst und dich selber blockierst.

Mögliche Lösungen

Informiere dich

Informiere dich bei deinem Trainer und älteren Teamkollegen, die schon bei grossen Meisterschaften dabei gewesen sind.

Frage ihnen Löcher in den Bauch: Wie ist das? Was kommt da auf mich zu? Etc.

Dann hast du eine Idee, was dich da erwartet und wirst nicht gleich von allen neuen Eindrücken erschlagen. Davon wird es noch genug geben.

Damit wirst du die neue Situation gelassener meistern können.

Lass die Eindrücke wirken

Neue Eindrücke können ein komisches Gefühl auslösen, weil dir die persönlichen Erfahrungen fehlen und du diese Situationen noch nicht einordnen kannst. Das ist normal und weiter nicht tragisch.

Taste dich in Ruhe an neue Situationen heran.

Setz dich beispielsweise hin, bevor die Zuschauertribüne voll ist. Schliesse die Augen und warte, bis sich die Tribüne langsam füllt. Nimm die Gespräche, den Lärm und die Geräusche auf, bis sie ihre „bedrohende“ Wirkung verlieren.

Akzeptiere Fehler

Das Training ist dazu da, deine Technik zu verbessern, dich langfristig zu entwickeln, deine Stärken zu stärken und auch, um Fehler zu verbessern.

Im Training darfst du kritisch und detailverliebt sein. Das hilft dir, dich konstant zu verbessern. Im Wettkampf ist diese Strategie eine Sackgasse.

Der Wettkampf ist dazu da, zu zeigen, was du jetzt in diesem Moment kannst.

Darum solltest du fünf für einmal gerade sein lassen und erst hinterher analysieren. Machst du die Fehleranalyse schon während dem Wettkampf, ist dieser gelaufen, bevor es richtig losgeht.

Verzeihe dir Fehler während dem Wettkampf. Es geht nicht darum, dass du den perfekten Wettkampf absolvierst. Nutze deine Möglichkeiten und zeige deinen bestmöglichen Wettkampf.

Dann bist du gut.

Der größte Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen. -Dietrich Bonhoeffer

Fokussiere dich auf dich und deine Fähigkeiten

Die Leistungen deiner Konkurrenten, die Rahmenbedingungen und die Reaktionen der Zuschauer kannst du nicht beeinflussen. Deine Leistung kannst du zu 100 % mit deiner Haltung und mit deinem Verhalten steuern. Wenn du das möchtest. Möchtest du das?

Die letzten Monate hast du dich auf diesen Wettkampf vorbereitet. Zusammen mit deinem Trainer hast du deinen „Peak“ für die Meisterschaft geplant. Hier willst du dein volles Leistungspotenzial abrufen.

Was du jetzt (noch) nicht kannst, ist nicht relevant und interessiert auch niemanden.

Nutze die Möglichkeiten, die du jetzt in dem Moment hast. Fokussiere dich auf deine Stärken. Vertraue dir, deinen Fähigkeiten und deinen Automatismen!

Steck dir deinen „Kontrollraum“ ab

Situationen, die du nicht kontrollieren kannst, können deinem Selbstvertrauen schaden. Gut möglich, dass du dich dann hilflos und unfähig fühlst, das zu tun, was du gerne möchtest.

Ein ganzes Schwimmbad oder ein ganzes Stadion kannst du nicht kontrollieren. Im Gegensatz dazu kannst du einen kleinen Raum sehr wohl kontrollieren und beherrschen.

Ich habe mir immer vorgestellt, dass ich in einer Telefonkabine bin. Diesen Raum konnte ich problemlos kontrollieren. Alles, was ausserhalb war, hatte keine Relevanz für mich. Dadurch war es für mich viel einfacher, bei mir zu bleiben und mich auf mich und meine Fähigkeiten zu konzentrieren.

Versuch’s mal!
Stell dir vor, du bist in einem kleinen abgegrenzten Raum. Abhängig von deinen Vorlieben und deiner Phantasie kann das eine Telefonzelle, eine Glaskugel oder ein schlichter weisser Raum sein. Der Raum sollte nicht viel grösser als eine Telefonzelle sein.

Wenn du dich in diesem Raum bewegst, dann hast du das Kommando und die volle Kontrolle.

Hier habe ich einen Vorschlag für ein zielführendes Selbstgespräch für deinen Kontrollraum:

In meinem Raum habe ich das Kommando. Ich weiss, was auf mich zukommt, und wie ich damit umgehen muss. Ich habe die Situation immer unter Kontrolle. Alles, was ausserhalb von meinem Raum geschieht, lasse ich dort und konzentriere mich nur auf mich. Mir geht es nur um mich und meine sportliche Leistung. In meinem Raum bin ich stark, selbstbewusst und zuversichtlich. Ich nutze meine Möglichkeiten!

Egal wo du bist, deinen „Kontrollraum“ kannst du dir überall einrichten. Damit kannst du dich von der Aussenwelt abschotten. Sie ist zwar noch da, doch hat sie für dich keine Bedeutung mehr.

Fazit

Gehe möglichst „gelassen“ an neue Wettkampf-Situationen heran. Informiere dich, lass die neue Situation zuerst einmal auf dich wirken und fokussiere dich auf dich und deine Möglichkeiten!

Es ist o.k., wenn du nervös bist. Das gehört dazu.

Entscheidend ist, wer du bist, was du kannst und wie du deine Möglichkeiten nutzt. Wenn du das Unbewusste im Boot hast, dann geht es noch besser.

Man kann die eigenen Grenzen nur feststellen, indem man sie gelegentlich überschreitet. Das gilt für jene, die man sich selbst setzt, ebenso wie für jene, die einem andere setzen.
– Josef Broukal

Ich wünsche dir gutes Gelingen bei deiner nächsten Meisterschaft!

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass jeder seinen eigenen Weg gehen sollte.

PPS: Und mit mentaler Stärke geht alles ein wenig einfacher.