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„Hier spricht der Kapitän. Nehmen Sie die Schutzhaltung für eine Notlandung ein!“

(Chesley B. Sullenberger mit Jeffrey Zaslow: „Man muss kein Held sein. Auf welche Werte es im Leben ankommt“*, C. Bertelsmann Verlag 2009, S. 189)

Das war die Durchsage von Chesley B. Sullenberger, bevor er zur Notwasserung auf dem Hudson River ansetzte.

Seine Notwasserung des Flugs 1549 auf dem Hudson River am 15. Januar 2009 machte ihn zum Helden. Erinnerst du dich an die Bilder, die damals um die Welt gingen?

Klar doch.

Das Kunststück, das er dabei vollbrachte, war in jeglicher Hinsicht aussergewöhnlich und ein super Beispiel für eine mentale Top-Leistung, bei der er sich am Tag X, als es zählte, nur auf eines fokussierte: Den vollbesetzten Airbus heil herunterzubringen. Von seiner Leistung waren Menschenleben abhängig.

Ein Flugzeug sicher zu landen ist für einen erfahrenen Piloten eine Routineaufgabe, die er automatisch, präzise und auf Kommando meistert. Bei einer Notwasserung verhält sich das ein wenig anders. Die Erfolgsaussichten sind dabei weitaus geringer. Deshalb gibt es dieses Szenario nicht einmal im Flugsimulator.

Notwasserungen enden fast immer mit einem Desaster.

Doch der Reihe nach.

Ein gelungener Start

Nach dem Start am New Yorker Flughafen LaGuardia verliefen die ersten Minuten des Flugs 1549 völlig normal. Sullenberger und sein Co-Pilot arbeiteten die Checkliste ab, die nach jedem Start geprüft wird – dann war alles bereit für die Steigphase:

„[W]ir begannen mit der Beschleunigung auf 250 Knoten (460 Stundenkilometer). Wir stiegen und beschleunigten weiter. Die atemberaubend schöne Skyline von New York kam ins Blickfeld. Bis hierher war alles reine Routine gewesen.“

Das erzählt der Pilot Chesley B. Sullenberger in seinem Buch „Man muss kein Held sein. Auf welche Werte es im Leben ankommt“* (C. Bertelsmann Verlag 2009, S. 165). (Link Amazon)

Das Unvorhersehbare – Vögel!

Doch dann passierte es. Ein Vogelschlag. Mindestens ein Dutzend Kanadagänse mit einer Flügelspannweite von 1,80 Meter flogen direkt vor dem Flugzeug.

„Kurz nach dem Vogelschlag fühlte, hörte und roch ich, dass Vögel in die Triebwerke – beide Triebwerke – geraten waren und sie ernsthaft beschädigt hatten. […] Als mir acht Sekunden nach dem Vogelschlag endgültig klar wurde, dass uns keine Triebwerke mehr zur Verfügung standen, wusste ich, dass dies das größte Problem war, dem ich mich als Pilot jemals stellen musste. Ich spürte einen Stich im Magen und hatte kurzzeitig das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren“, erzählt Sullenberger (Chesley B. Sullenberger mit Jeffrey Zaslow: „Man muss kein Held sein. Auf welche Werte es im Leben ankommt“*, C. Bertelsmann Verlag 2009, S. 168).

In weniger als 10 Sekunden änderte sich die Situation für den erfahrenen Piloten frappant. Von Routine war jetzt keine Rede mehr.

Er entschied sich, das Steuer alleine in die Hand zu nehmen und seinem Co-Piloten Jeff die Verantwortung über die Notfallcheckliste zu übergeben. Das führte zu einer klaren Aufgabenteilung, die kommunikative Missverständnisse aus dem Weg räumte.

Damit reduzierte er die Komplexität.

Genauso klar und einfach sollte die Aufgabenteilung zwischen Athlet und Trainer sowie Teammitgliedern im Wettkampf sein. Informationen zum falschen Zeitpunkt oder eine unklare Aufgabenverteilung führen zu Irritationen. Diese wirken sich negativ aus das Ergebnis aus.

Je einfacher, desto besser.

Die Anforderungen, die jetzt an Sullenberger gestellt wurden, waren enorm.

Stell dir vor, dir passiert etwas in einer ähnlichen Dimension. Würdest du cool bleiben und die Nerven behalten oder am Druck zerbrechen?

Sullenberger konnte nicht abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Er hatte wenig Zeit, sehr wenig Zeit, und musste handeln.

Er wusste, dass er jetzt schnell reagieren muss und seine Entscheidungen erhebliche Konsequenzen haben (im schlimmsten Fall tödliche). Ihm war auch bewusst, dass er nur eine Chance hat, den Airbus A320-214 heil herunterzubringen. Der Ausgang seiner Aktion war in höchstem Masse ungewiss.

Mental ist das eine Extremsituation, die unsere Vorstellungskraft übersteigt.

Bedrohung oder Herausforderung?

Seit dem Vogelschlag sind 21.5 Sekunden vergangen und die Situation ist mehr als bedrohlich.

Erinnerst du dich an deine letzte bedrohliche Situation? In bedrohlichen Situationen beginnt dein Gedankenkarussell zu kreisen und du malst dir alle möglichen Horrorszenarien aus. Richtig?

  • Das macht dich unsicher.
  • Lässt dich an dir und deinen Fähigkeiten zweifeln.
  • Es stört deine Feinmotorik.
  • Es schränkt deine Wahrnehmung ein.
  • Und deine Automatismen funktionieren nicht mehr wie üblich.

Diese Haltung und die damit verbundene Handlungslähmung hätten für Sullenberger und seine Passagiere in einem Desaster geendet.

Für ihn ging es also darum, die Situation als Herausforderung zu betrachten und nicht als Bedrohung wahrzunehmen.

Dazu musste er im Hier und Jetzt bleiben und sich auf seine Stärken und Fähigkeiten besinnen.

„Das kann doch gar nicht sein. So etwas kann doch mir nicht passieren“
(Chesley B. Sullenberger mit Jeffrey Zaslow: „Man muss kein Held sein. Auf welche Werte es im Leben ankommt“*, C. Bertelsmann Verlag 2009, S. 171), ging es ihm dennoch kurz durch den Kopf.

Für lange Selbstgespräche ist ihm keine Zeit geblieben, da er binnen weniger Sekunden einen Plan entwickeln musste und nur ein paar Minuten hatte, diesen auszuführen.

Er fokussierte sich auf seine Stärken und er war sich sicher, dass er die Situation meistern wird.

Mental gut vorbereitet

Sullenberger hat einen klaren Kopf behalten und stellte sich dieser Situation mit wachen Sinnen.

Wie ist das möglich?

Piloten bereiten sich mental auf Notfallsituationen vor, schon bevor sie eintreten, damit ihnen bereits automatisierte Handlungsoptionen zur Verfügung stehen, wenn das Ereignis eintritt. Dadurch bleiben sie cool und können die gelernten Muster einfach abrufen, weil sie bereits automatisiert sind.

Das funktioniert wie bei einem Navigationssystem. Du gibst das Ziel ein und dein Navi bringt dich sicher und auf direktem Weg dorthin. Dann musst du nicht bei jeder Wegkreuzung überlegen, in welche Richtung du jetzt gehen musst. Cool, nicht?

Bereitest du dich mental auf Extremsituationen vor oder denkst du noch, es kommt dann schon gut?

Sullenberger beschreibt in seinem Buch, welche Regeln für den Notfall Piloten von Anfang an lernen:

„Behalte jederzeit die Kontrolle über dein Flugzeug.
[…]
Analysiere die Lage und ergreife die geeigneten Maßnahmen.
[…]
Lande, sobald es die Umstände erlauben.

Dies sind unsere drei Grundregeln. Es gibt allerdings auch eine Kurzfassung, die sich alle Piloten leicht einprägen können:

‚Fliege, navigiere, kommuniziere.‘“

(ebd., S. 173)

Das gelernte Notfallszenario reduzierte Sullenberger auf die verinnerlichten Knotenpunkte „fliege, navigiere, kommuniziere“.

Er fokussierte sich auf die Schlüsselstellen und seine Stärken. Natürlich machen diese Knotenpunkte nur dann Sinn, wenn die damit verbundenen Abläufe vorher intensiv gelernt/trainiert wurden und ganz klar mit einer automatisierten Handlung verknüpft sind.

So wie wir das im mentalen Training machen, wenn wir einen Bewegungsablauf oder die Besonderheiten einer Wettkampfstrecke visualisieren.

Richtig entscheiden

Sullenberger und sein Co-Pilot fokussierten sich nur noch auf das Wesentliche und leiteten das erste Flugmanöver ein.

„Als Erstes senkte ich die Flugzeugnase, um die beste Gleitgeschwindigkeit zu erreichen. Wenn wir überleben wollten, musste das Flugzeug zu einem guten Gleitflieger werden.“
(ebd., S. 173)

Durch das Senken der Nase stabilisierte er seinen 75-Tonnen-Vogel und machte diesen zu einem Gleitflieger, der sich mit 300 m Sinkgeschwindigkeit pro Minute dem Boden näherte. Was deutlich höher ist als üblich. Damit verschaffte er sich Zeit, um strategische Ziele zu verfolgen und weitere Entscheidungen zu treffen.

„Nicht einmal eine Minute war vergangen, seit der Vogelschlag die Triebwerke des Flugzeugs außer Betrieb gesetzt hatte. An seinem Radarschirm in Long Island hoffte der Fluglotse Patrick Harten immer noch, dass es ihm gelingen würde, uns zu einer Landebahn von LaGuardia zu bringen.“
(ebd., S. 179)

Sullenberger wurde schnell klar, dass sie zu niedrig, zu langsam und in die falsche Richtung flogen. Zudem waren sie zu weit weg von den nächsten Flughäfen.

Er musste schnell eine Entscheidung treffen.

„Wir schaffen es nicht, wir müssen womöglich auf dem Hudson landen.“
(ebd., S. 179)

Obwohl ihm der Fluglotse Patrick Harten eine Landung auf der Landebahn eins auf LaGuardia anbot, ist er bei seiner Entscheidung geblieben, den Vogel auf dem Hudson River zu landen. Ihm war klar, dass sie es nicht bis LaGuardia schaffen würden.

Sein Ziel war damit mehr als klar definiert. Den Airbus A320-214 sicher, sofern man bei dieser Aufgabe von sicher sprechen kann, auf dem Hudson River zu landen. Darauf und nur darauf fokussierte er sich.

Mental starke Athleten und Top-Leister treffen eine Entscheidung und bleiben dabei. Mit allen damit verbundenen Konsequenzen.

Aus diesem Grund zähle ich die Disziplin „Entscheidungen treffen“ zu den wichtigsten Faktoren mental starker Athleten.

Wie ist das bei dir? Entscheidest du dich und stehst du zu 100 % hinter deinen Entscheidungen? Oder überdenkst du sie bei den ersten aufkommenden Zweifeln?

Konzentriert und aufmerksam

Besonders bemerkenswert war das fokussierte Handeln und die Aufmerksamkeitssteuerung von Sullenberger. Wie aus dem Lehrbuch!

Und genau darum geht es im Wettkampf.

„Es war lebenswichtig, dass ich voll konzentriert blieb und mich von nichts ablenken ließ. Mein ganzes Bewusstsein war nur noch dazu da, das Flugzeug zu steuern … […] Während des Sinkflugs hatte ich meine Aufmerksamkeit auf zwei Punkte fokussiert: den Fluss direkt vor mir und die Geschwindigkeitsanzeige im Cockpit. Draußen – drinnen – draußen – drinnen.“
(ebd., S. 191)

Sullenberger fokussierte sich auf seine Stärken und lebte die Kultur des Augenblicks.

Einzig die Aufgabe zählte. Seine Aufmerksamkeit lenkte er nur auf die wenigen wichtigen Punkte. Nicht mehr und nicht weniger.

Wie ist das bei dir? Bist du in der Lage, deine Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu fokussieren und alles andere auszublenden?

Die Landung

„Hier spricht der Kapitän. Nehmen Sie die Schutzhaltung für eine Notlandung ein!“
(ebd., S. 189)

Knapp drei Minuten nach dem Vogelschlag landete er das Flugzeug „sicher“ auf dem Hudson River. Die Landung war etwas härter als üblich und sie hätte weitaus schlimmer verlaufen können.

Doch er wusste, sie waren noch nicht über den Berg. Schliesslich lag das Flugzeug mitten im Hudson River mit 154 Passiergen an Bord.

Sullenberger spürte, dass das Flugzeug noch intakt war. Das übliche Prozedere nach einer Landung war im Wasser nicht sinnvoll:

„Ich entschied mich deshalb, meine Zeit nicht mit Dingen zu verschwenden, die unsere Lage auf dem Fluss nicht verbessern würden. Jeff hatte seine Checkliste innerhalb von zehn oder fünfzehn Sekunden abgearbeitet. […] Während er dies erledigte, öffnete ich die Cockpittür und rief mit lauter Stimme nur ein einziges Wort: ‚Evakuieren!‘“
(ebd., S. 193)

Wasser stieg hinten ins Flugzeug. Die Crew evakuierte die Passagiere über die Tragflächen und die vorderen Ausgänge – in nur dreieinhalb Minuten. Danach ging Sullenberger selbst noch zweimal durch das gesamte Flugzeug, um sich zu vergewissern, dass niemand darin zurückgeblieben war:

„Beim zweiten Mal stand das Wasser hinten im Flugzeug so hoch, dass ich fast bis zur Taille nass wurde. Auf dem Weg zum Heckschott musste ich deshalb über die Sitze steigen.“
(ebd., S. 195)

Chesley B. Sullenberger verlor sein Ziel bis zur kompletten Evakuierung nicht aus den Augen.

In einem Wettkampf verhält es sich nicht anders. Selbst wenn du in Führung liegst, musst du bis zum letzten Punkt oder bis zum Überqueren der Ziellinie fokussiert bleiben. Schon mancher wähnte sich in Sicherheit und genoss seinen Sieg … bis er übertölpelt wurde.

Ein Wettkampf ist erst mit dem letzten Punkt oder dem Überqueren der Ziellinie beendet!

Teamwork als Erfolgsfaktor

In seinem Buch betont Sullenberger mehrmals, wie wichtig das Teamwork mit seinem Co-Piloten war. Obwohl sie sich noch nicht lange kannten, wusste jeder genau, was zu tun war. Sie haben schnell und kooperativ gehandelt.

Die Notwasserung haben sie als Herausforderung gesehen und nicht als Bedrohung. Sie hatten ein gemeinsames Ziel, teilten die Rollen auf und agierten innert kürzester Zeit als eingespieltes Team. Das ist beeindruckend.

Jeder leistete das, was er jetzt in dem Moment am besten konnte. Das ist konstruktiv und zielführend!

Fazit

Der Pilot Sullenberger traf eine Situation an, wie du sie von grossen Meisterschaften kennst, bei denen du eine Top-Leistung abrufen musst.

  • Du musst deine Leistung „jetzt“ abrufen.
  • Es werden höchste Anforderungen an dich gestellt.
  • Du hast nur eine Chance.
  • Der Ausgang ist ungewiss.
  • Und ein Misserfolg kann erhebliche negative Konsequenzen haben.

Die wenigsten Nachwuchsathleten bereiten sich mental gezielt auf Meisterschaften vor. Sie denken: „Wenn es dann so weit ist, kommt es schon gut.“ Meistens geht es dann in die Hose.

Unter Druck versagt dein Verstand. Deshalb sind gut funktionierende Automatismen ein MUSS.
Wenn du zuerst darüber nachdenken musst, hast du schon verloren.

Das Sport-Mentalatraining hilft dir dabei, dass es nicht so weit kommt.

Chesley B. Sullenberger war, wie jeder Pilot, mental gut auf den Notfall vorbereitet.

  • Er hat Entscheidungen getroffen (zweimal gemessen und einmal geschnitten).
  • Sich auf seine Stärken und Fähigkeiten verlassen und
  • die Bedrohung als Herausforderung gesehen.
  • Sich an sein gelerntes Skript „Fliege, navigiere, kommuniziere“ gehalten.
  • Die Kultur des Augenblicks gelebt und seine Aufmerksamkeit nur auf das Wesentliche fokussiert: „Draussen – drinnen – draussen – drinnen“.
  • Und er agierte als ausgezeichneter Leader und Teamplayer, der seinem Partner vertraute.

Top-Leister bereiten sich mental auf Ausnahmesituationen vor und überlegen nicht erst in der Situation, was zu tun ist.

Darum sind sie in der Lage, mental stark am Tag X ihre Leistung abzurufen.

Mit Sport-Mentaltraining kannst auch du dich optimal auf Wettkämpfe vorbereiten. Dann bist du besser, wenn es zählt.

Unerwartete Ereignisse meisterst du dann mit Leichtigkeit. Natürlich nur, wenn du das möchtest.

Möchtest du mental stark werden und am Tag X abliefern?

Dann zögere nicht und kontaktiere mich.

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit mentaler Stärke und Sport-Mentaltraining alles ein wenig einfacher geht.
PPS: Und wenn du das Unbewusste im Boot hast, geht’s noch einfacher.

Quellen:

Chesley B. Sullenberger mit Jeffrey Zaslow: „Man muss kein Held sein. Auf welche Werte es im Leben ankommt“*, C. Bertelsmann Verlag 2009.

Hans Eberspächer: „Gut sein, wenn’s drauf ankommt:* …“, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2011(Link Amazon)

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