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Steffi steht mit zittrigen Knien am Startplatz in der Schlange mit anderen Gleitschirmpiloten und wartet, bis sie endlich an der Reihe ist.

Als es dann so weit ist, ist sie vollkommen nervös und möchte einen besonders guten Gleitschirmstart zeigen, denn es sind unzählige Zuschauer auf dem Berg. Vor lauter Nervosität dreht sie sich nach der Aufziehphase aus, stolpert und fällt hin.

Unter normalen Umständen, sprich, wenn nur wenige oder keine Zuschauer da sind, hat Steffi nie Schwierigkeiten. Doch in solchen Situationen oder im Wettbewerb hatte sie schon öfter Probleme.

Vielleicht kennst du das auch aus deiner eigenen Erfahrung. Wenn du vor einer neuen oder veränderten Situation stehst, bist du schlagartig nervös, verängstigt und unsicher. Routinierte Abläufe klappen auf einmal nicht mehr.

Wodurch entsteht die Angst?

Es wird heute davon ausgegangen, dass es Menschen gibt, die von Haus aus ängstlicher reagieren als andere. Die Veranlagung zur Angst ist also zu einem Teil angeboren, hier kannst du Glück haben oder auch nicht.

Doch die Veranlagung ist nur ein Teil vom Ganzen. Häufig sind deine Gedanken der Auslöser für deine Ängste. Plötzlich tauchen in deinem Inneren Gedanken auf wie

  • „Ich muss mein Bestes geben und darf mich nicht blamieren“ 
  • „Meinen Eltern/Trainern bin ich es schuldig, eine Spitzenleistung zu zeigen“ 
  • „Ich werde nie Erster sein, ich bin einfach zu doof dafür“.

Dabei liegt die Aufmerksamkeit bei irgendwelchen Erwartungen oder Konsequenzen anstatt bei deiner auszuführenden Tätigkeit.

Darüber hinaus bestimmt dein Umfeld, in dem du aufgewachsen bist, darüber, wie stark deine Neigung zur Angst ausgeprägt ist. Das Verhalten deiner Eltern, deren Erziehung, deine Freunde und nicht zuletzt die Medien beeinflussen dich zusätzlich.

Wenn deine Eltern beispielsweise immer wieder sagen „Das kannst du nicht …“ oder „Das ist zu gefährlich für dich …“, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du Angst empfindest.

Deine Eltern können dir aber auch vorleben, wie toll es ist, neue Erfahrungen zu machen. Das machen sie, indem sie z. B. selbst immer wieder mal was Neues ausprobieren oder dich mit Worten wie „Probier das doch einfach mal aus, das klingt toll“ animieren, Neues zu versuchen. In diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass du neugierig und offen für Erfahrungen und Herausforderungen bist.

Angst ist grundsätzlich etwas Positives. Sie ist erst einmal nur ein Signal, welches dir sagt, dass vielleicht etwas nicht stimmt. So bist du augenblicklich etwas wacher und aufmerksamer. Doch wird die Angst zu groß, kann sie dich lähmen und führt dazu, dass du bestimmte Situationen meidest oder routinierte Abläufe misslingen.

Überwinde deine Angst

Möchtest du deine Angst überwinden, dann versuch doch mal Folgendes:

Tipp 1: Akzeptiere, dass du Angst hast.

Das klingt erst einmal etwas paradox, doch wenn du versuchst, keine Angst zu haben, werden sich deine Angst und die Anspannung vergrößern. Besser ist es, zu akzeptieren, dass du Angst hast. Es ist nicht schlimm, Angst zu haben. Du kannst lernen, mit der Angst umzugehen.

Tipp 2: Erkenne, dass körperliche Symptome o.k. sind

Die körperlichen Symptome einer Angst sind unangenehm, aber nicht gefährlich. Viele dieser Symptome, wie etwa Herzrasen oder Schwitzen, hast du auch, wenn du einen Berg hochsteigst. Erkenne, dass diese Symptome zwar da sind, aber keine weiteren Folgen für dich haben. Steffi hatte zittrige Knie, das ist ärgerlich, aber sonst auch nichts.

Tipp 3: Überprüfe die Situation

Überprüfe, ob du die Gefahr in deinem Kopf übertreibst. Oft missbrauchen wir die Phantasie und stellen uns das „Was wäre wenn …“-Szenario viel schlimmer vor, als es in Wirklichkeit ist. Vielleicht unterschätzt du deine Möglichkeiten, mit der Situation umgehen zu können.

Eine gute Strategie, um die Situation zu überprüfen, ist „The Work“ von Byron Katie. Stelle dir einfach die vier Fragen:

  • Ist die Situation so, wie ich sie wahrnehme?
  • Kann ich mir 100%ig sicher sein, dass es so ist?
  • Gibt es auch eine andere Möglichkeit die Situation zu interpretieren?
  • Ist der neue Sichtweise wahr?

Hier gibt es noch eine Podcastfolge zu dem Thema.

Ziel ist, dass du dich am Ende nur noch mit der tatsächlichen Gefahr auseinandersetzt. Gefahren, die du nur in deiner Phantasie siehst, kannst du getrost ausblenden, denn sie sind ja nicht vorhanden!

Eine andere Strategie ist, dass du dir das Schlimmste vorstellst und dich darauf vorbereitest.

In einem Gespräch mit Steffi kam raus, dass sie Angst davor hatte, sich zu blamieren. Nach dem Überprüfen der Gedanken erkannte sie, dass sie sich nur auf ihren Ablauf konzentrieren müsse und dann funktioniert es auch – denn sie ist ja eine routinierte Pilotin!

Tipp 4: Entspanne dich

Jede Angst wird durch körperliche Symptome begleitet. Versuche dich also bewusst zu entspannen. Sehr wirkungsvoll finde ich dabei die Atementspannung. Du brauchst nichts zu tun, außer auf deinen Atem zu achten. Beobachte einfach, wie du ein- und ausatmest. Allein dadurch hören deine Gedanken auf und deine körperlichen Symptome werden weniger.

Tipp 5: Suche dir Unterstützung

Du musst deine Ängste nicht allein bewältigen. Freunde, Bekannte, Eltern oder Trainer können dir dabei eine gute Stütze sein. Allerdings müssen diese Personen über deine Angst Bescheid wissen, also solltest du mit ihnen darüber sprechen – denn sie können deine Gedanken nicht lesen!

Tipp 6: Stell dich der Situation

Du kannst deine Angst nur überwinden, wenn du in die Situation gehst und diese erfolgreich meisterst. Überlege dir also eine Strategie, wie du die angsteinflössende Situation gut bewältigen kannst. Spiele dieses Situation einige Male im Kopf durch und danach bewältige sie in der Realität.

Auch Steffi stellte sich ihrer Angst. Bei ihrem nächsten Startversuch unter Beobachtung nahm sie wieder ihre zittrigen Knie wahr. Diesmal hatte sie den Gedanken: „Ach da sind sie ja wieder, die zittrigen Knie“. Damit konnte sie die Angst annehmen, anschließend musste sie über die automatischen Reaktionen ihres Körpers lachen, da entspannte sie sich gleich ein wenig.

Danach wendete sie die Atementspannung an, um sich zusätzlich Ruhe zu gönnen. Die Gedanken und der Körper beruhigten sich, sodass sie entspannt und konzentriert an den Start ging. Diesmal klappte der Start gleich beim ersten Mal.

Fazit

Ängste sind normal.

Grundsätzlich sind Ängste etwas Positives. Sie bewahren uns vor Dummheiten und gefährlichen Situationen. Doch manchmal sind sie übertrieben. Dann ist es sinnvoll, diese Angst zu bearbeiten und zu überwinden.

Angst ist zum Teil Veranlagung, dennoch kannst du Einfluss darauf nehmen, wie sehr du dich von ihr einnehmen lässt.

Nutze deine Möglichkeiten!

Yvonne

Yvonne Dathe – WinMental

Yvonne DatheYvonne war Dritte bei der Europameisterschaft 2014 im Gleitschirmfliegen und 2015 Teamweltmeisterin. Seit 2010 ist sie selbständige Mentaltrainerin und begleitet Menschen dabei, ihr Traumleben zu verwirklichen. Sie hilft ihnen, ihr Selbstbewusstsein auszubauen, den Mut zur Veränderung aufzubringen und ein Leben mit Freude zu führen.